Insektensterben

Artikel von Juli 2018

Pestizideinsatz auf Feld

80% der Fluginsekten sind seit den 80er Jahren verschwunden! Vorbei sind die Zeiten als wir während einer sommerlichen Autofahrt extra an die Tankstellte mussten, um die Scheiben von todgefahrenen Insekten zu reinigen. Im Mittelpunkt der Diskussion steht bei uns vor allem die industrielle Landwirtschaft, der Einsatz von Pestiziden, Energiepflanzen, Monokulturen und der immer größere Flächenverbrauch. Industrielle Konzepte sind in der Landwirtschaft nur bedingt anwendbar! Die Erzeugung von Nahrungsmittel ist ungleich anspruchsvoller – es wird innerhalb eines hochkomplexen ökologischen Systems in der freien Natur agiert – als die Produktion von Verbrauchsgütern in einer geschlossenen Fabrikhalle mit relativ einfach kalkulier- und kontrollierbarem In- und Output.

Der einfache ökonomische Ansatz, mit immer größeren Maschinen immer größere Flächen (Monokulturen) immer leichter bewirtschaften zu können, um Effizienz und damit Ertrag immer weiter zu steigern, greift sehr kurz und funktioniert nur in Verbindung mit Pestiziden. Pflanzenschutzmittel (Herbizide), wie das in den Medien momentan häufig erwähnte Glyphosat, werden dazu eingesetzt. Mittel, die fast sämtliche Pflanzen vernichten, mit denen sie in Berührung kommen. Den Einsatz dieser Totalherbizide überleben die Kulturpflanzen nur deshalb, weil sie erst nach dieser „Sterilisierung“ der Böden angepflanzt werden. 

Die Landwirtschaft greift damit massiv in das Ökosystem ein, sie ist der größte Flächennutzer in Deutschland und das bleibt nicht ohne Folgen: Bestimmte hoch spezialisierte Insekten – deren Freßfeinde (Nützlinge) in diesen Monokulturen keine Lebensgrundlage mehr haben – können sich explosionsartig vermehren, was zum Einsatz weiterer Chemie führt:

Insektizide wie die Neonikotinoide sind momentan gewissermaßen in aller Munde. Sie wirken massiv auf das Nervensystem von Insekten. Hierbei werden aber nicht nur die „Schädlinge“ abgetötet, sondern auch alle anderen Insekten, die damit in Kontakt kommen. Neonikotinoide sind wasserlöslich und schwer abbaubar. Sie wirken sowohl als Fraß- als auch als Kontaktgift. Andere Pflanzen, zu denen das Gift vertragen wird (Wasser, Luft), nehmen das Gift auf und wieder sind auch dort die Nützlinge betroffen. Ein Teufelskreis, der immer nur zur noch mehr bzw. noch „effizienterer“ Chemie führt.

Wer denkt, das alles ist nur ein Problem der Landwirtschaft, sollte wissen: In Deutschland werden rund 10% aller eingesetzten Pestizide in Privatgärten verwendet! Wir haben durch den Einsatz all dieser Chemie noch ein weiteres Problem: Auch die natürlichen Bestäuber unserer Kulturpflanzen verschwinden immer mehr. Ob unsere Imker mit ihren Bienen dieses Problem zukünftig kompensieren können und ob das in großem Maßstab überhaupt sinnvoll ist, lässt sich vielleicht mit einem Blick in die USA klären. „More than Honey“ heißt ein vielfach ausgezeichneter Film über die Mandelproduktion in Kalifornien. Monokulturen, massiv behandelt mit Pestiziden und bestäubt durch massenhaft mit LKWs angekarrten Bienenvölkern. Klappt die Koordination der einzelnen Gewerke mal nicht so gut, kann es durchaus passieren, dass das Besprühen mit Pestiziden zeitgleich mit dem Ausbringen der Bienen stattfindet… Die Biene als temporäres Bestäubungswerkzeug in einer ansonsten insektenfreien Natur. Immerhin ein Insekt und kein Pinsel wie bei den Chinesen, könnte hier so mancher Zyniker anmerken.

Nicht nur die kalifornischen Bauern haben mittlerweile ein großes Problem mit dem Bienensterben. Apis Mellifera, die westliche Honigbiene wird immer anfälliger für Krankheiten und Parasiten… Die Landwirtschaft an sich ist nicht die Ursache und der Landwirt soll hier auch nicht als alleiniger Sündenbock für die aktuellen Umeltprobleme dargestellt werden. Industrialisierte Landwirtschaft ist ein Symptom, die eigentliche Krankheit sind Wirtschaftssysteme, die auf Ausbeutung beruhen – in diesem Fall auf der Ausbeutung der Natur. Die oben angeführten industriellen Strategien in der Landwirtschaft lassen die Nahrungsketten kollabieren und damit sind auch Vögel, Säuger und Reptilien betroffen – Zukunftsmusik? Nein, wir sind schon mittendrin. Das aktuelle Insektensterben und der Vogelrückgang sind Indikatoren und belegen dies. Ein Umdenken ist dringend erforderlich. Neue Konzepte gibt es bereits, aber die Politik tut sich erkennbar schwer, diese auch umzusetzen.

Der einzelne Bürger steht hier mal wieder in der Verantwortung – er hätte die Wahl und das nicht nur alle vier Jahre! Wer biologisch nachhaltig erzeugte Produkte kauft, gibt damit auch ein Signal an den Handel, die Lebensmittelerzeuger und letztendlich auch an die Politik – Geld regiert diese Welt und erst, wenn mit weniger Ausbeutung mehr Geld zu verdienen ist, wird sich etwas ändern. Biologisch nachhaltige Landwirtschaft hilft nicht nur der wilden Natur: Hummeln, Käfer, Fliegen, Schmetterlinge usw., sie helfen uns, gesunde und hochwertige Nahrung zu erzeugen. Welche und wie viele Insektenarten an der Befruchtung einer Blüte teilnehmen, hat durchaus Relevanz. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass beispielsweise der Nährstoffgehalt bei Erbeeren größer wird, wenn verschiedene Insektenarten die Blüten bestäuben. Bei Mandeln entstehen weniger gesunde Fettsäuren und weniger Vitamin E, wenn die Bestäubervielfalt eingeschränkt ist.

Hummeln beim Bestäuben

Artenvielfalt führt zu Ertragssteigerungen und Ertragsssicherheit. Die individuellen Eigenschaften jeder einzelnen Art sind wichtig. Hummeln sind viel robuster als Bienen, wenn es um ernteschädigende Wetterkapriolen geht. Heidelbeeren werden dicker, wenn sie von mehreren Arten bestäubt werden usw… Es läge also durchaus in unserem und im Interesse der Landwirte selbst, entsprechende Blühstreifen mit Wildpflanzen zu belassen oder entsprechende mosaikartige Strukturen auf den Feldern zu realisieren usw.,um die dafür notwendige Artenvielfalt zu fördern. Wir müssen nur bereit sein, dafür zu bezahlen und toleranter sein, wenn das Obst einmal nicht aussieht wie gemalt.